„Die gebieterische Art, mit der das Kunstwerk verteidigt wird, legt die Vermutung nahe, dass man ihm noch immer Unerhörtes zutraut: rettende Eigenschaften“  Siegfried Lenz

 

Die Argumente für oder gegen einen Gewandhausneubau am Neumarkt in Dresden sind nunmehr seit einigen Jahren weitgehend ausgetauscht. Die Debatten sind geführt, das Ergebnis ist im Allgemeinen akzeptiert, es wird kein neues „Altes Gewandhaus“ geben. Dennoch sollen hier Gründe für den Neubau eines Alten Gewandhauses noch einmal vorgetragen werden:

Größere Plastizität der Platzwände, reizvollere Platz-im-Platz-Situationen, stärkere verschränkte Perspektiven – vor allem aber die gesteigerte Wirkung der großartigen Freitreppe des Johanneums, wenn die gegenüberliegende Platzwand des Jüdenhofes geschlossen und damit eine Symmetrie zum Johanneum geschaffen würde. Und schließlich wäre ein geglücktes Gewandhaus durch seine in den Platz, zur Frauenkirche hinragende Stellung eben das kongeniale heutige Gegenüber zur Frauenkirche.

 
 
   
   
   
 

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Die Argumente für oder gegen einen Gewandhausneubau am Neumarkt in Dresden sind nunmehr seit einigen Jahren weitgehend ausgetauscht. Die Debatten sind geführt, das Ergebnis ist im Allgemeinen akzeptiert, es wird kein neues „Altes Gewandhaus“ geben. Dennoch sollen hier Gründe für den Neubau eines Alten Gewandhauses noch einmal vorgetragen werden:

Größere Plastizität der Platzwände, reizvollere Platz-im-Platz-Situationen, stärkere verschränkte Perspektiven – vor allem aber die gesteigerte Wirkung der großartigen Freitreppe des Johanneums, wenn die gegenüberliegende Platzwand des Jüdenhofes geschlossen und damit eine Symmetrie zum Johanneum geschaffen würde. Und schließlich wäre ein geglücktes Gewandhaus durch seine in den Platz, zur Frauenkirche hinragende Stellung eben das kongeniale heutige Gegenüber zur Frauenkirche.

Das Argument, besser kein Gewandhaus, als eines, das die Gesamtidee des Neumarktes zerstört ist wohl verständlich, auch, dass ein Entwurf „guten Willens“, der Versuch eines „noblen“ Neubaus, wie es wohl Fritz Löffler formuliert hätte, die Gefahr eines trojanischen Pferdes in sich bürge, wenn erstmal die Diskussion um das Zeitgenössische begänne. Dennoch, wenn es eine glückliche Lösung gäbe, was wäre gewonnen: es könnte eine Befreiung, ein Aufbruch sein.

Trotz aller kleinerer und mittlerer Irrtümer – mit dem Wiederaufbau des Neumarktareals ist doch eine großartige Leistung gelungen; durch maßstabsbildende Leitbauten und den sich einpassenden „Füllbauten“ ist ein Gesamteindruck des Neumarktes entstanden, der doch, wenn man etwas mehr als zwanzig Jahre zurückdenkt, beglückend ist.
Dabei habe ich keinen der „Füllbauten“ vor Augen, der über das „Angepasste“ hinausweist, also eine aus dem Wiederaufbau der Frauenkirche heraus verinnerlichte, eigene, zeitgenössische Formensprache entwickelte, die dann selbst stilbildend und damit verallgemeinerungsfähig wäre. Die bräuchte es aber, um ein Gewandhaus zu legitimieren.

 

 
 
   
   
 

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Beginnen möchte ich mit den Massen. Ein Problem der meisten Wettbewerbsbeiträge – wie übrigens auch eines späteren „Bürgerhäuserprojektes“ – war es, sich in der Traufhöhe den umgebenden Gebäuden anzupassen. Wegen der in den Platz ragenden Stellung entstünde ein zu massiger Körper. Vielmehr kann es nur ein zweigeschossiger Bau sein, gleichwohl aber mit einer hohen, geradezu gotischen Dachneigung um die Massen aufzulösen aber auch der Umgebung anzugleichen. Letztlich bleibt die Entwicklung der Massen immer ein intuitiver Vorgang.  Auch wenn die einst gegenüberliegende Altstädter Wache kein eigentliches Vorbild für den Entwurf bildete, bleibt sie doch im Unbewussten präsent.

 

 
 
   
   
 

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Eben wegen dieses intuitiven Empfindens eines harmonischen Verhältnisses von Masse, Höhe, Breite und Tiefe an diesem Ort ließ sich die Breite von Jüdenhof zur Frauenstraße nicht ganz schließen, was mich zunächst selbst überraschte. Durch das mit einer Gasse von Bothen’schen Kaufhaus freigestellte Gewandhaus halte ich das aber für legitim und plausibel.
Auch kann es nur dabei bleiben, ein Gewandhaus in den Platz zu stellen, also ein Solitär. Dass eine Kleinteilung und damit eine Mehrzahl von Gebäuden eine Verbesserung brächte, sehe ich nicht.

 

 
 
   
   
 

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Die hofseitige Situation ist durch zwei Treppentürme bestimmt, beide mit einem oberen Abschluss als Belvedere, der südliche Turm von einer Haube überkrönt, auf der wiederum ein Sisyphos seinen Stein hinauf stemmt. Auf den Darstellungen handelt es sich bei dem Sisyphos lediglich um Platzhalter, ein Künstler unserer Zeit sollte hier das Sisyphos-Thema verhandeln. Dieser Sisyphos gegenüber der Frauenkirche weist eben auf beide Aspekte dieses Themas hin, einmal auf die Gewissheit des dem menschlichen Schaffen innewohnenden Scheiterns, das doch zu Demut zwingt gegenüber der Natur, der Schöpfung, dem eigenen Handeln und andererseits auf die berührende menschliche Fähigkeit mit Begeisterung immer wieder von neuem die Welt nach dem eigenen Geschmack und Bequem zu gestalten.
Insofern steht dieses Sisyphos-Thema gerade für den Aufbauwillen aller Menschen guten Willens nach 1990 und somit auch für den Wiederaufbau des Neumarktes und der Frauenkirche.

 

 
 
   
   
 

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Die Frontseite zum Platz, zur Frauenkirche hin habe ich mit Lenzens Zitat, das Heinrich Magirius auf der Umschlagseite seiner „Geschichte der Denkmalpflege in Sachsen“ verwendete, als Schriftzug, als Ornament  in die Fassade eingefügt.  
Dieses Zitat war für mich seinerzeit der vollkommene Ausdruck eines Lebensgefühls, die geistige, ästhetische, künstlerische Welt zu verteidigen, vor Zerstörung zu bewahren. Und wir stellen fest, es hat an Aktualität nichts eingebüßt.

Zu dem Hinweis, dass der vorgestellte Entwurf in den dreißiger bis fünfziger Jahren entstanden sein könnte – tatsächlich bewege ich mich in meinen ästhetischen Vorstellungen, in dem was ästhetischen Genuss bereitet, um Heinrich Tessenow u.a. Gerade Tessenow könnte man als Ausgangspunkt verstehen. Nur ist eben diese Überlieferung so vollkommen abgerissen. Bei aller heimatlich und handwerklich gebundenen Form, bleiben diese Architekturen auch immer originell und kunstvoll. Aus dem Erkennen und Verstehen des Überlieferten gelingt ein Maß an Abstraktion und damit die Fähigkeit zur Weiterentwicklung. Ich halte das für zeitlos schön und aktuell und insofern auch in die Zukunft weisend.

 
 
   
   
   

 

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letzte Aktualisierung 26.08.2015